Agrarökologie & nachhaltige Lebensmittelsysteme

Agrarökologie & nachhaltige Lebensmittelsysteme

Das Anwenden von ökologischen Prinzipien und Konzepten für das Management nachhaltiger, traditioneller Landwirtschaft. Eine Gegenbewegung und Antwort zur Agrarindustrie und den Problemen, die diese geschafften hat – Agrarökologie [1].


Landwirtschaft hat wie keine andere menschliche Tätigkeit die Welt als Ökosystem nachhaltig verändert. Urbarmachung von Landstrichen durch Brandrodung, Ackerbau und die Domestizierung von Tieren hat nicht nur die Umwelt, sondern auch den Menschen zu dem gemacht, was er heute ist. Der bewusste Eingriff in Naturprozesse, das Lenken und Manipulieren von natürlichen Mechanismen hat sich in Tier- und Pflanzenzucht manifestiert.

Es scheint, solange wir hinzufügen, ergänzen und korrigieren werden wir mit Erträgen belohnt. Doch ist die Absicht auf Erträge wirklich das Fundament auf das wir bauen wollen? Um möglichst wirtschaftlich Erträge und Leistungen zu erbringen ist es zum Beispiel nichts aussergewöhnliches mehr, Futtermittel aus der ganzen Welt nach Europa zu verschiffen. So ergibt sich die paradoxe Situation, dass ein Land wie die Schweiz, im Ausland gleich viel Ackerbaufläche belegt wie im Inland [2].

Haben wir uns auch daran gewöhnt, dass Holland hors-sol (erdlose) Paprikas, Tomaten unter LED-Licht und Eier aus Massentierhaltung in die ganze Welt exportiert? Wollen wir eine Landwirtschaft betreiben die Teile der Bevölkerung im Bundesstaat Iowa, umgeben von Mais-Monokulturen, mangelernährt leben lässt? [3]

…nur diese Art von Landwirtschaft ernährt uns alle!

In der National Geographic Ausgabe (Sept. 2017) liest sich, dass Holland, der zweitgrösste „food“ Produzent der Welt, auf 93km2 Landfläche unter Glasdächern (Gewächshäuser) erfolgreich Wachstumsbedingungen wie Wasser, Temperatur, Licht und Dünger kontrolliert [4]. Die seit Mitte des 20. Jahrhunderts andauernde Massenproduktion,  wird gerne in Zusammenhang mit der wachsenden Erdbevölkerung gebracht. Um es dogmatisch zu formulieren: nur diese Art von Landwirtschaft ernährt uns alle!

Agrarökologie ist da anderer Meinung. Anstelle von Inputs und Kontrolle setzt diese Betrachtungsweise auf Nachahmung der Natur. Im Idealfall ist ein Agrarökologiesystem quasi ein Ökosystem mit Absicht, ein landwirtschaftlicher Betrieb oder eine ganze Region. Die Absicht auf Ertrag, Kreisläufe, Symbiosen, selbstregulierende Wirkungsweisen macht die Agrarökologie zu einem komplexen Forschungsfeld. Um langfristig überdauern zu können und nachhaltige Versorgung zu ermöglichen werden geschlossene, selbstgenügsame Systeme angestrebt.

Anstelle von Monokulturen (ein Paradies für Schädlinge und Krankheiten) setzt die Theorie der Agrarökologie auf kleinräumige, regional angepasste Bewirtschaftungsformen. Dazu gehören z.B. Mischkulturen, Push-Pull Strategien (siehe biovision.ch) und eine schonende Bodenbearbeitung; z.B. mittels der pfluglosen Direktsaat.  

Landwirtschaft 1920 (Foto: Scheuermeier, P., AIS Archiv)
Mischkultur in Reihen @ Eden Project, Cornwall, UK (Foto: flickr)

Weiter versteht sich Agrarökologie als Gegenbewegung und Alternative zur industriellen Landwirtschaft und dem globalisiertem Lebensmittelhandel. Diese hätten die Konsumenten und Produzenten von einander distanziert, Produkte vereinheitlicht und die Bedeutung von Regionalität und dem damit verbundenen Wissen trivalisiert. Ein alternatives System, die agrarökologische Landwirtschaft, müsste folgende Elemente integrieren und aufwerten:

  • Lebensmittelproduktion und Konsum regional verorten
  • Lieferketten kürzen, Anzahl Zwischenhändler reduzieren
  • Produzenten, Konsumenten, Zwischenhändler und Verteiler verstehen sich als verflochtene Gemeinschaft und etablieren starke Beziehungen
  • Informations- und Wissensaustausch zwischen allen Anspruchsgruppen fördern
  • Vor- und Nachteile des alternativen Nahrungsmittelsystems auf alle Beteiligten abstützen
    [5]

Eine Möglichkeit diese Grundsätze umzusetzen bietet die soldiarische Landwirtschaft (SoLawi), als Form von Vertragslandwirtschaft, wobei Produzenten und Verbraucher ihre Bedürfnisse gegenseitig abstimmen und regeln. In der Schweiz gibt es dafür unzählige Beispiele sowie eine Kooperationsstelle, die Interessegruppen zusammenführt und Selbstbestimmung fördern möchte. Die SoLawi ersetzt Produktepreise mit Betriebsbeiträgen, Spontaneinkaufen mit Verbindlichkeiten und Anonymität mit Partizipation.

Kooperationsstelle Solidarisch Landwirtschaft   

agroecology, Sustainable food systems

 

Das Standardwerk von Stephen Gliessman:

Agroecology – The Sustainable Food Systems

Quellen

[1] Borsani, F. et al, Zwischen Fairtrade und Profit, Stämpfli Verlag AG, 2015
[2] www.assaf-suisse.ch/docs/2017/c_securitealimentaire_all_version_d.pdf
[3] http://www.nationalgeographic.de/umwelt/das-neue-gesicht-des-hungers
[4] http://www.nationalgeographic.com/magazine/2017/09/holland- agriculture-sustainable-farming/)
[5] Gliessman, R. Stephen, Agroecology, The Ecology of Sustainable Food Systems, CRC Press, Third Edition, 2015  

Lucas Meile

Gründer von resilienz-jetzt.ch

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